Lenas Glück beim Eurovision Song Contest

ESC-Logo
Oder: Das Mysterium der Rankings und die Offenbarung der Wettquote

Mit eigens und auf die Schnelle für den Eurovision Song Contest produzierte Retorten kann ich nichts anfangen. Beim ESC steht dieses Jahr Deutschland als ein sog. Big-4-Land (mit Lena und dem Lied „Satellite“) für dieses Konzept – wahrscheinlich weil Deutschland sich wiederum den Forderungen der gleichnamigen Big-4 der Musikindustrie unterworfen hat? Das Fragezeichen soll darauf hinweisen, dass es in Deutschland zum Thema ESC keinen Musikjournalismus gibt, der Hintergründe beleuchtet, Organisatoren auf die Finger schaut und einen neutralen Blick über die deutsche Grenze wirft.

Für mich als interessierten Laien erwiesen sich somit das Internet und Googles Übersetzungsmaschine als ein wahrer Segen, denn es gab vor allem in Süd- und Osteuropa wieder Einiges zu entdecken. Beispiele:

Experimentelles aus Estland,
Diaspora-Konzept aus Armenien,
Protestlieder aus Griechenland und der Ukraine,
ernste U-Musik aus Israel und Polen,
der Ruf nach einem gerechten Europa aus Litauen und Lettland sowie
Free Music aus Russland.

Hinter diesen Konzepten stehen junge Musiker, die mit ihrem Contest-Auftritt offensichtlich mehr oder anderes verbinden als nur die Gier nach Punkten und Triumpf. In der deutschen Berichterstattung allerdings werden diese Musiker bestenfalls als Komparsen für den Auftritt von Lena Meyer-Landrut degradiert. Ausgerechnet.

Vom ESC-Kult zum Kult der Vermarktung

Lena, ein Teenie, die innerhalb eines Monats zur Werbe-Ikone hochgepuscht wurde, die zuvor nie was mit Musik zu tun hatte und am Finalabend ihre ersten Gehversuche auf internationaler Bühne machen wird. Sollte dies Erfolg haben, dürfen sich nicht Musiker, sondern Mediencoaches, Marktforscher, Imageberater, Agendasetter, Marketer, Spin-Doktoren, PR-Consultants usw. usw. anerkennend auf die Schulter klopfen.

In einem netten, 1-stündigen Gespräch auf Radio FRITZ am 14.05.2010 zeigte Lena sich als Musikerin entsprechend unerfahren und defensiv. Eher erstaunt über den von Stefan Raab erzeugten Medienhype um USFO und ihrer Person, amüsierte sie sich vielmehr – und zu Recht – über die teilweise grotesken Ergebnisse dieses Hypes. Die Organisatoren hatten mit Sensationsmeldungen auf Dauerfeuer schalten lassen und die deutsche Journaille ballert seitdem mit. Da muss man sich nicht wundern, wenn trotz starker Aufmerksamkeit der ESC in Deutschland weiterhin als Witzveranstaltung verkommt. Der größte Witz dabei ist Deutschland selber, denn es macht nicht mal richtig mit. Es kauft sich Wettbewerbsvorteile (Big-4-Status), damit Lena gleich im Finale starten kann, und die Forderung nach einer Jury lässt auch eher auf Risikovermeidung schließen.

Ein musikalisches oder sonst wie geartetes Konzept habe ich bei den Deutschen nicht entdecken können, in den Sensationsmeldungen geht es ausschließlich um Rankings, Downloadraten, Chartplatzierungen, Punktetabellen und Wettquotenergebnisse. Dem Zeitgeist entsprechend, erinnert mich das an ein spitzbübisches Börsenspekulantenspiel, bei dem unbekannte Aktien in die Runde geworfen und Aktionäre mit Rating-Agenturen zu blenden versucht werden - nur um sehen, wie weit man damit kommt...?

Das mag in der Wirtschafts- und Finanzwelt Spaß machen, aber beim Eurovision Song Contest verstehe ich nun mal keinen Spaß ;-)

Deine Bewertung: Keine Durchschnitt: 2.5 (2 votes)

Kommentare (2)

Prinzipiell kann ich Recht geben, aber letzendlich stellt sich für mich die Frage, was der Eurovision Song Contest ist. Es geht dort, denke ich, nicht darum, den besten Künstler Europas zu finden. Es geht auch nicht darum, hochkultur darzustellen. Es geht um Pop. Historisch kann man sogar zurecht sagen, dass es um trashigen Pop geht. Und um popularität im europäischen Publikum. Aussenseitern bleibt dort nur, ihre eigene Subszene zur Hilfe zu bewegen (siehe Lordi). Wenn der Eurovision Song Contest wieder zurück zum Voting gehen würde, würde ich ihn wohl nicht mehr anschauen. Man kann nicht versuchen, einem Format, das etwas trashig, sehr Poplastig und letztendlich nicht sehr ernst genommene Unterhaltung ist, etwas anderes von oben überzustülpen. Man kann es als Bühne für sein eigenes Anliegen nutzen, durchaus erfolgreich, siehe Lordi. dafür muss man aber sein eigene Subkultur dazu zu bringen, einen zu unterstützen, und die Subkultur muss eine gewissen Größe zu haben.
Der Grand Prix ist (noch) der falsche Ort, um Free Music wirklich zu promoten, da diese kritische Masse europaweit noch fehlt. Über Lordi wurde zwar in den Medien vorher schon berichtet, aber im besten Falle neutral, mit dem Hype wie bei Lena sicher nicht zu vergleichen.
Das Verhalten der deutschen Medien kann man anprangern. Das Rad (den Grand Prix) neu erfinden kann man sicherlich nicht. És gibt genug Wetbewerbe, in denen per Jury entschieden wird, diese haben zT sicher zurecht einen höheren Ruf als der Grand Prix, wenn es um Kompetenz geht. Darum geht es beim Grand Prix aber einfach nicht.

Sehr schöner Artikel mit viel Wahrem. So gerne ich die ungewöhnliche, manchmal gegen den Strich gebürstete Art von Lena mag, so sehr bedaure ich, dass ihr musikalischer Weg nun von Marketingleuten gesteuert wird. In Interviews kommt sie meist recht unbekümmert daher und versucht zu vermitteln, dass sie ihr eigenes Ding durchzieht. Doch der Marketing-Hype um sie spricht eine andere Sprache, eine Sprache, die Lena möglicherweise noch nicht versteht.

Ich hoffe für ihre musikalische Unabhängigkeit, dass sie recht bald aufwacht und wirklich ihr eigenes Ding durchzieht. Und so verrückt es klingen mag, aber dabei wäre ein hinterer Platz beim ESC hilfreicher, als ein Sieg.

Artikel

Projekte

Interviews

Informationen